businesspress24.com - Geliebter Herr "Indianer": Künstlerische Gegenentwürfe zu Winnetou & Co
 

Geliebter Herr "Indianer": Künstlerische Gegenentwürfe zu Winnetou & Co

ID: 1307651

(businesspress24) - Die Reaktionen indigener Künstlerinnen und Künstler auf idealisierte "Indianer"-Darstellungen in deutschsprachigen Romanen und Filmen werden derzeit im Rahmen eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF untersucht.

Stolz, edel und naturverbunden: Karl Mays "Winnetou" beeinflusst bis heute das Bild des "Indianers" im deutschsprachigen Raum. "Dieses Klischeebild entspricht tatsächlich in keiner Weise der Realität der nordamerikanischen Ureinwohner. Kindheitserinnerungen und Sehnsüchte lässt man sich jedoch nur ungern nehmen. Das zeigen die Besucherrekorde der Karl May-Festspiele und der Erfolg von Filmen wie 'Der Schuh des Mannitou'", stellt Nicole Perry vom Institut für Germanistik der Universität Wien fest. Doch wie setzen sich indigene Künstlerinnen und Künstler mit diesem noch immer bestehenden Bild des "Indianers" kritisch auseinander und rütteln an überholten gängigen Wahrnehmungsgewohnheiten? Diese Fragestellung behandelt sie nun im Rahmen eines Lise-Meitner-Stipendiums des Wissenschaftsfonds FWF.

Sehnsucht & Projektionsfläche "Indianer"
Karl Mays und andere klischeebeladene "Indianer"-Darstellungen aus deutschsprachigen Romanen und künstlerische Gegenentwürfe werden im Projekt untersucht: "Die Darstellungsgeschichte des 'Indianers' als naturverbundenem 'Edlen Wilden' öffnet den Blick auf unterschiedliche dahinterstehende Ideologien sowie politische und sozio-kulturelle Umgebungen. Karl Mays Erfolg – seine Bücher wurden ja schon in der Erstauflage über 400.000 Mal verkauft – liegt auch darin begründet, dass er Gefühlslagen und Sehnsüchte seiner Zeit geschickt aufgriff", erläutert Perry. Da waren zum Beispiel die Sehnsucht nach der Bildung einer Nation oder Kolonialfantasien, aber auch romantische, anti-modernistische Wünsche nach einer Rückkehr zur Natur. Für all dies dienten literarische "Indianer"-Figuren als Projektionsfläche. Die romantisierte Naturverbundenheit mündete in einer Darstellung von "Indianern" als sterbende vormoderne Kultur, deren Rettung in der Europäisierung und Christianisierung lag.





Naturburschen als Kunstfiguren
Den Schwerpunkt des Projekts bilden zahlreiche Fallstudien zeitgenössischer Widerstandsformen gegen dieses schablonenhafte "Indianer"-Bild. Tatsächlich greifen indigene Künstlerinnen und Künstler dieses Bild seit einiger Zeit auf und inszenieren es in neuen Umgebungen, um so die Diskussion darüber anzuregen und ein Umdenken zu provozieren. Zu den Fallbeispielen, die Perry untersucht, zählt der kanadische Künstler Kent Monkman mit seinem Alter Ego "Miss Chief Testickle", einer Kunstfigur vergleichbar mit Conchita Wurst, die mit High Heels und Federschmuck auftritt. Monkman agiert dabei geschickt medienübergreifend und sprengt gängige Genderstereotypen des "Indianers" als Naturbursch. Anders agiert der Musiker und Filmemacher Bear Witness, der eine weitere Fallstudie in Perrys Projekt bildet. Er stellt in einer Montagetechnik Karl May Filmszenen Aufnahmen von "Wolf Hatfield", einer "indianischen" Kämpfer-Figur aus dem Videospiel "Virtual Fighter V" gegenüber und verdeutlicht, in Perrys Untersuchung, damit die Künstlichkeit beider Darstellungen. Ein weiteres von Perry detailliert untersuchtes Beispiel ist der Künstler Darryl Nepinak. Seinen Film "Zwe Indianer aus Winnipeg" taufte er nach dem gleichnamigen deutschen Schlager. Im Gegensatz zu diesem erfahren seine zwei Hauptfiguren jedoch im "Sebastian Schweinsteiger See" nicht die Taufe zu Christen, sondern einen Wandel zu Ureinwohnern. In einer anderen Fallstudie widmet sich die Forscherin Drew Hayden Taylors Theaterstück "Berlin Blues": Dieses zeigt die Errichtung eines Themen-Parks für deutsche Touristen in einem Ojibway Reservat und, in Perrys Analyse, den Wunsch nach der Performance des "Indiander"-Bildes im Gegensatz zu Authentizität.

Die Reaktionen auf diese Neuinterpretationen sind kontrovers, wie Perry betont: "Filmische Gegenentwürfe wurden in einer moderierten Filmvorführung mit Besprechung, dem Forum 'Culture Shock Panel' auf der Berlinale, und davor auf dem imagineNATIVE Film Festival in Toronto gezeigt. Der enthusiastischen Aufnahme in Kanada folgten kontroverse Diskussionen auf der Berlinale."

Das FWF-Projekt bietet nun erstmals eine differenzierte Basis für die Auseinandersetzung mit bisher im deutschsprachigen Raum wenig bekannten indigenen Antworten auf klischeebeladene "Indianer"-Darstellungen. So werden ideologische Ideen einer nationalen, kulturellen und genderspezifischen Identität hinter stereotypen Darstellungen hinterfragt.

Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:

FWF Der Wissenschaftsfonds.

Der Wissenschaftsfonds FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) ist Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung.

Der FWF dient der Weiterentwicklung der Wissenschaften auf hohem internationalem Niveau. Er leistet einen Beitrag zur kulturellen Entwicklung, zum Ausbau der wissensbasierten Gesellschaft und damit zur Steigerung von Wertschöpfung und Wohlstand in Österreich.



PresseKontakt / Agentur:

Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Nicole Perry
Universität Wien
Institut für Germanistik
Universitätsring 1
1010 Wien
T +64 / 9 / 373 7599 - 87671
E nicole.perry(at)univie.ac.at
W http://www.univie.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF:
Marc Seumenicht
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 - 8111
E marc.seumenicht(at)fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at

Redaktion & Aussendung:
PR&D – Public Relations für Forschung & Bildung
Mariannengasse 8
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 70 44
E contact(at)prd.at
W http://www.prd.at



drucken  als PDF  an Freund senden  Percona kündigt eine Vorschau des Konferenz Programm der Percona Live Data Performance-Konferenz 2016
Wanderstöcke Star Rover® sind Preis-Leistungs-Sieger
Bereitgestellt von Benutzer: PRD
Datum: 01.02.2016 - 06:07 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1307651
Anzahl Zeichen: 4662

Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: Till C. Jelitto
Stadt:

Wien


Telefon: 0043 1 505 70 44

Kategorie:

Vermischtes


Meldungsart: Erfolgsprojekt
Versandart: Veröffentlichung
Freigabedatum: 01.02.2016

Diese Pressemitteilung wurde bisher 68 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Geliebter Herr "Indianer": Künstlerische Gegenentwürfe zu Winnetou & Co"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

FWF – Der Wissenschaftsfonds (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

Kometenstaub unter die "Lupe" genommen ...

Kometenstaub der Rosetta-Mission liefert nun Erkenntnisse über die Anfänge unseres Sonnensystems. Der Wissenschaftsfonds FWF unterstützt dazu ein Projekt am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Zuga ...

Wie das Geschlecht uns beeinflusst ...

Frauen und Männer unterscheiden sich oft deutlich in Bezug auf psychische Erkrankungen. Um die Ursachen dafür zu erforschen, wurde in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF untersucht, wie die geschlechtsangleichende Hormontherapie von Transgende ...

Alle Meldungen von FWF – Der Wissenschaftsfonds



 

Who is online

All members: 10 722
Register today: 0
Register yesterday: 0
Members online: 0
Guests online: 677


Don't have an account yet? You can create one. As registered user you have some advantages like theme manager, comments configuration and post comments with your name.